„Es ist ein Wesensmerkmal unserer überaus vielschichtig strukturierten Zeit, dass wir die Fülle insbesondere der medial vermittelten Bildelemente, die ständig auf uns einstürzt, kaum noch bewältigen können. Erschwerend hinzu kommt noch, dass in der Alltags- und Berufsethik die Wahrnehmungsgeschwindigkeit immer weiter gesteigert wird, was letztendlich zum Gesamteindruck eines aneinandergereihten Disparaten führt. Die Welt ist in visuelle Fragmente zersplittert.
Auf diese Grundanmutung reagiert ein Künstler wie Karl Josef Striebe, indem er Bildmetaphern entwickelt, die dieses Zeitphänomen, diesen Verlust der Wahrnehmungs-Mitte, nicht nur adäquat widerspiegeln, sondern verdichtend herausarbeiten. Als Ausgangsfundus dienen ihm dabei jene Abbildungsexzerpte, die uns über Druck- und Reproverfahren erreichen: Buchseiten, Fotos, Illustrationen, Stiche, Plakate, Zeitschriften, Musterblätter, Kataloge usw. Nichts ist minderwertig, kann es doch abgeklopft werden auf inhaltliche und formalästhetische Ergiebigkeit – und die definiert allein der Künstler in seiner kombinatorischen Umwindung, die aus den Fragmenten eine neue, eine ästhetische Realität entstehen lässt.
Striebe befragt nämlich die Funde nicht auf ihren ursprünglichen Informations- und Gebrauchswert, er extrahiert vielmehr zitathaft Anspielungen und strukturelle Wesensessenzen und nutzt die Chance zur potenzierenden Überhöhung, die gleichwohl um die Möglichkeiten ironisierender Brechung oder dienender Zurücknahme weiß.
Rein fertigungstechnisch bezeichnet man diese Vorgehensweise je nach Anwendungsgrad als Kollage, Décollage oder Assemblage, und die großen kunsthistorischen Wegbereiter dieser Sehweise sind uns aus der Klassischen Moderne geläufig. Aber Striebe handhabt natürlich auch Kombinationen daraus, und das artistische Verwirrspiel wird in der jüngeren Vergangenheit noch dadurch auf die Spitze getrieben, dass er sich partielle Übermalungen leistet oder durch fotokopierte Vergrößerungen die Realitätsbezüge weiter verfremdet.
Und so entsteht denn jeweils ein regelrechter Kosmos der Bildnerischen, der die Wirklichkeit sehr wohl reflektiert, aber ihr mehr – subjektive – Gerechtigkeit widerfahren lässt, als die fragmentarisch erlebte „echte“ Wirklichkeit, die ja – wie wir alle aus eigener Erfahrung wissen – eine trügerische ist. Kunst ist para – real: Mit den Maßstäben aus Wissenschaft, Technik und Gesellschaftslehre nicht messbar oder gar „beweisbar“, aber sie erhellt über den Umweg der dialektisch eingesetzten Widerrede und bringt auf menschlich wahrnehmbares Mass, indem sie emotional sensibilisierte Erkenntnis-Schlupflöcher bereit hält.
Stützen kann sich Striebe bei diesem Unterfangen auf die Tatsache, dass die meisten Menschen auf vorgeprägte kulturhistorische Bildelemente ähnlich reagieren und auch Farben, Strukturen und Materialien nach vergleichbaren Patterns abgespeichert haben. Den neuen, vom Künstler präjudizierten Erlebniskontext muss freilich in lustvoller Aneignung jeder für sich erschließen und um das eigene Assoziations- und Kontemplationsgespinst auskleiden.“

Klaus Flemming

21. Juli 2014